Wahrheit ist relativ

Seit Albert Einstein wissen wir, dass alles relativ ist. Also auch die Wahrheit. Wir könnten uns langsam auch mal so benehmen.

Neulich saß ich im ICE von Köln nach Basel und wollte einen Kaffee. Nicht, dass ich den Kaffee der Deutschen Bahn besonders mag, aber ich bin halt koffeinabhängig. Am Morgen hatte ich verschlafen und war eh spät dran, also keine Zeit, vorher meine Sucht zu befriedigen. Nun hatte ich aber auch keine Lust, ins Bordbistro zu gehen, ich wollte mein Laptop ungern aus den Augen lassen. Also wartete ich auf den mobilen Bordservice mit seinem Wägelchen. Der war leider unsagbar lahm. Also, relativ gesehen. Denn er bewegte sich ja, wie ich auch, mit Tempo 250 über die Geleise. Für die Landschaft war also auch der Servicewagen ziemlich flott. Aber die wollte ja auch keinen Kaffee. Genauso wenig wie die überparfümierte Dame im Sitz vor, ihrem Schnarchen nach zu urteilen.

Relativität der Wahrheit

Jetzt könnten Sie sagen, ja, ja, in Wahrheit! In Wahrheit war der Service so schnell wie immer, nämlich 0,5 Stundenkilometer (geschätzt). Aber auch das stimmt ja nur relativ. Für die Landschaft war er mit 250,5 km/h unterwegs, weil er sich in Fahrtrichtung bewegte. Hätten wir also schon mal zwei Wahrheiten für die Servicegeschwindigkeit. Hinzu kommt eine dritte, nämlich meine. Dabei spielt nicht die gemessene, sondern die empfundene – quälend langsame – Geschwindigkeit eine Rolle.

Wahrheit ist also nichts Absolutes, sondern relativ, abhängig davon, auf welches System man sich bezieht. Die Physik spricht hier von Bezugssystem. Das ist nötig, um Lage und Bewegung von physikalischen Körpern zu beschreiben. Für die erwähnte Servicekraft ist das entweder der Zug oder die Landschaft.

Wahrheit im Bezugssystem

Diesen Begriff des Bezugsystems kann man gut auch auf andere Bereiche übertragen. Wie jeder Mensch bin ich erst mal mein eigenes Bezugssystem. Ich kann nicht aus meinem Kopf. Darum gilt für mich, kaffeeschmachtend, die Wahrheit: Service lahm. Generell gesehen gibt es also so viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt.

Natürlich kann man so nicht arbeiten. Darum tun wir uns mit andern zusammen, tauschen uns aus, finden uns in allgemeineren Bezugssystemen wieder oder definieren neue. Und in denen einigen wir uns auf bestimmte Wahrheiten.

Im Bezugssystem Proudhonismus ist Eigentum Diebstahl. Im Bezugssystems Kapitalismus ist das nicht zutreffend. Im Bezugssystem Christentum ist Jesus Christus Gottes Sohn, im Islam nur ein Prophet. Im Bezugssystem Religion ist Gott ein Fakt, im Bezugssystem Wissenschaft nur eine nicht belegte Theorie.

Absolutismus oder Demokratie

So schön das Sich-einigen also ist, so vorprogrammiert ist auch der Streit um die Wahrheit. Der wurde und wird immer noch oft genug blutig geführt. Und das alles nur, weil die eigene Wahrheit die einzig gültige sein muss: die absolute Wahrheit. Was letztlich zum Absolutismus führt, in dem ein Alleinherrscher oder eine Partei bestimmt, was wahr ist. Und in allerletzter Konsequenz zur totalen Vernichtung.

Die Alternative zum Absolutismus ist – im Prinzip – die Demokratie. Da streitet man sich auch, aber mit friedlichen Mitteln. Man findet Mittelwege. Sowas wie Eigentum verpflichtet. Konsens und Kompromiss, schon mal gerne als Schwäche ausgelegt, sind die eigentlichen Stärken der Demokratie.

Beliebigkeit und Vorurteil

Das heißt nicht, dass man jeden Unsinn als Wahrheit verzapfen darf. Das liegt daran, dass man sich das Bezugssystem nicht beliebig aussuchen kann. Wer aus dem Fenster springt, kriegt es mit dem Bezugssystem Physik zu tun. Da hilft es auch nicht vorher zu behaupten, man können fliegen. Oder wer den Holocaust leugnet, kann nicht einfach sagen: Jahaa, in meinem braunen Fantasialand, da gab’s das nicht. Es gilt hier das Bezugssystem der Geschichtswissenschaft, und da ist diese Aussage falsch.

Darum ist es gut, beim Argumentieren das Bezugssystem zu kennen, das eigene und das der Gegenseite. Aber Vorsicht: Menschen nicht zu voreilig auf ein Bezugssystem festlegen. Da ist man dann schnell beim Vorurteil. So war die Servicekraft im ICE nicht etwa ein arbeitsscheuer Geselle, sondern eine sehr nette Dame, die mit jedem Fahrgast etwas herumflachste. Das brauchte zwar mehr Zeit, verbreitete aber ungemein gute Stimmung. Und dafür warte ich doch gerne ein bisschen länger auf meinen Kaffee.